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Stand: 08.01.2016

Pressemitteilung

Wenn die Straße Heimat ist

Kulturperformance mit Boris Ben Siegel und Julia-Stephanie SchmittStellten Obdachlosigkeit aus verschiedenen Perspektiven dar: Boris Ben Siegel und Julia-Stephanie Schmitt von Theater Oliv. Caritasverband für die Diözese Speyer

Betroffen, geschockt, sprachlos - die Besucher erlebten eine ungewöhnliche Theateraufführung. Ihr Thema: Was Menschen, die obdachlos geworden sind, denken, fühlen und erleben, wurde in der Performance "Heimat? Straße!" ausgedrückt - und passenderweise nicht auf einer Bühne. Der Fußboden eines städtischen Gebäudes diente als improvisierte Sitzgelegenheit für die Besucher, die sehr zahlreich zu der Premiere von Theater Oliv am Freitag, 23. August, gekommen waren. Die Veranstaltung fand im Rahmen des Kultursommers und der Tage der Industriekultur statt.

So ungewöhnlich wie der Aufführungsort, war auch die Entstehung des Stücks. Boris Ben Siegel, Gründer und Leiter des Mannheimer Theater Oliv, hatte intensiv recherchiert und auch mit Obdachlosenselbst gesprochen - ob in der Suppenküche im Hemshof oder bei der ökumenischen Fördergemeinschaft in Ludwigshafen. Auch das Caritas-Förderzentrum St. Martin in Ludwigshafen hatten die Schauspieler Siegel und Julia-Stephanie Schmitt besucht. Die Einrichtung hilft und betreut obdachlose Männer und Frauen.

Klaus Wagner, Stellvertreter der Leitung, hatte positiv auf die Anfrage reagiert, "das Thema Obdachlosigkeit im Bereich Kultur aufzugreifen und so mehr in die Mitte der Gesellschaft zu rücken".  Er vermittelte auch den Kontakt zu einem Bewohner, der sich für ein Interview zur Verfügung stellte. Da die Räume selbst in dem Gebäude der Einrichtung am Unteren Rheinufer 55 nicht geeignet für die Aufführung waren, wurde im Gebäude der benachbarten Wirtschaftsbetriebe Ludwigshafen (WBL) mit der Kantine ein geeigneter Raum gefunden.

Was für die Besucher  zunächst irritierend war, war bewusst als fiktive Behelfsunterkunft für Obdachlose inszeniert: Der Aufführungsraum war mit Karton und Matten ausgelegt, mit Nummern gekennzeichnet und jeder Besucher bekam von einem barschen Herrn - eine der vielen Rollen, die Boris Ben Siegel im Lauf des Abends übernahm - einen Platz zugewiesen.

Von dieser Position - gewissermaßen ganz unten angekommen - verfolgten die Zuschauer gebannt das facettenreiche Rollenspiel, die permanenten Wechsel der Perspektiven und die Monologe, die das Leben und Leiden der Menschen zeigte und unter die Haut gingen.

Immer wieder ging es um die Würde und den Stolz der Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren hatten, in Folge des fehlenden Einkommens  die Wohnung gekündigt bekamen, von Krankheit gezeichnet waren. Eine der Biographien, die als Inspiration für das Stück gedient hatten, stammte von einem Bewohner im Caritas-Förderzentrum St. Martin.  Er hatte den Theatermachern aus seinem Leben erzählt. Inzwischen hat er ein Zuhause in St. Martin gefunden und arbeitet in der Fahrradwerkstatt.

Dass Obdachlosigkeit Menschen aber auch an ihre Grenzen bringt, Drogen und Alkohol ins Spiel kommen, Emotionen wie Wut und Aggression an die Oberfläche kommen, klammerte die Performance nicht aus. Die Theatermacher sparten auch nicht mit Kritik an den Notunterkünften: "Warum gibt es dafür keine Standards?"  Wie die friedliche Atmosphäre bei der Essensausgabe für Obdachlose von einem Moment zum anderen in einen lautstarken, erbitterten Streit zweier Obdachloser umschlägt, bildete einen der eindringlichsten Szenen.

Die Performance griff ebenso Vorurteile in der Gesellschaft gegenüber Obdachlosen auf und bildete mit der zynischen Ansprache eines von sich eingenommenen Mittelständlers den Abschluss, was auch bei den Besuchern für Buh-Rufe sorgte. Tatsächlich setzte jedoch eine Power-Point-Präsentation mit Zahlen und Fakten zur Obdachlosigkeit in Ludwigshafen den Schlusspunkt.

Der starke Applaus der Zuschauer am Ende der Performance zeigte den Theatermachern, dass die Premiere ihres Projekts gelungen war. "Wir haben ganz viele Deckel aufgemacht und ebenso viele Themen angerissen - gerade weil es so viele Einzelschicksale gibt", sagte Boris Ben Siegel nach der Veranstaltung. "Krass" fanden er und Julia-Stephanie Siegel die Erlebnisse bei ihren Recherchen. Gleichzeitig deutete Siegel an: "Es sieht so aus, als sei das der Anfang von etwas, wo wir weitermachen wollen."

"Ich bin sehr beeindruckt - die Performance war sehr gelungen", ist Klaus Wagners Fazit nach der Veranstaltung. "Vor allem fand ich gut, dass der lokale Bezug zur Obdachlosigkeit in Ludwigshafen hergestellt wurde", betonte Wagner. Auch das Publikum zeigte sich nachhaltig betroffen von den komplexen und gleichzeitig verstörenden Einblicken in den Alltag von Obdachlosen. Besucher Engelbert Timmerhues fand die Veranstaltung gelungen, vor allem "die vielfachen Aspekte, die aufgezeigt wurden". Die Gegenüberstellung der verschiedenen Seiten - wie zum Beispiel Behörde und Betroffenen habe gezeigt, "wie schwierig es ist, eine passende Lösung zu finden - das nehme ich mit nach Hause", sagte der Schifferstadter und ist überzeugt, dass es den Schauspielern gelungen ist, dass sich die Besucher mit der Thematik auseinandersetzen.

Info

Aufführungen der Performance "Heimat??? Straße!!!" finden  vom 17.bis 19. Oktober im Theater Oliv, Am Meßplatz 7, 68169 Mannheim, E-Mail: info@theateroliv.de , Telefon 0621  8191477


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